Kinder haben ein Recht darauf, geborgen, gesund und ohne körperliche Gewalt aufzuwachsen. Es ist die Aufgabe der Jugendämter, dieses Recht sicherzustellen und die Kinder zu schützen. Wichtige Partner wie Kindertagesstätten, Schulen oder Ärzte stehen in diesen Zeiten allerdings nur eingeschränkt zur Verfügung.
Aktion: Kein Kind alleine lassen
Weil viele Orte, an denen Spuren von Misshandlungen aufgedeckt werden können, derzeit geschlossen sind, hat Johannes-Wilhelm Rörig, der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, die Internetseite www.kein-kind-alleine-lassen.de gestartet. Dort finden Kinder und Jugendliche direkten Kontakt zu Beratungsstellen und auch Erwachsene bekommen Informationen, was sie bei sexueller und anderer familiärer Gewalt in der Corona-Krise tun können.
Mit der Aktion „Kein Kind alleine lassen“ verbindet er den dringenden Appell an die Bevölkerung, in der aktuellen dramatischen Situation Kinder nicht aus den Augen zu verlieren „Wir geben mit der Website den Menschen die Möglichkeit aktiv mitzuhelfen. Auf der Seite sind neben Infos und weiteren Weblinks auch Flyer und Plakate zum Ausdrucken. Wir wollen klarmachen: Schon das Aufhängen eines Flyers im Hausflur kann helfen, die Nachbarschaft daran zu erinnern, sich um Kinder und Jugendliche aus dem eigenen Umfeld zu kümmern und aufeinander aufzupassen.“
Corona: Außerordentliche Belastung für Familien
Auch der Landkreis Northeim sieht in den Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie einen Nährboden für Kindeswohlgefährdung. „Die aktuelle Situation stellt auch für ansonsten wenig belastete Familien eine außerordentliche Herausforderung dar“, sagt Landrätin Astrid Klinkert-Kittel. Berufstätige Eltern formulieren immer drängender, dass sie umgehend Entlastungs- und Betreuungsangebote benötigen. Die diversen Anforderungen von Homeoffice, Kinderbetreuung und Homeschooling lassen sich kaum bis gar nicht miteinander vereinbaren, wodurch bei allen Familienangehörigen die Belastungen massiv gestiegen sind. Hinzu kommt die Angst vor materiellen Einbußen, einem möglichen Jobverlust, vor allem bei berufstätigen Eltern, die nicht oder nur eingeschränkt von zuhause arbeiten können. Auch die ersten Lockerungen schaffen hier kaum Entlastung und Perspektive. Viktoria Bertram, pädagogische Leiterin der Sozialen Dienste beim Landkreis Northeim, dazu: „Für Kinder, Jugendliche und Familien mit Erziehungsschwierigkeiten, Paarkonflikten oder Krisen kann sich diese außerordentliche Belastung in Verzweiflung oder völliger Überforderung äußern.“
Unterstützung, Hilfe und Beratung im Landkreis Northeim
An das Jugendamt kann sich jede und jeder wenden, insbesondere auch Kinder und Jugendliche, wenn sie Probleme haben oder in Notsituationen sind. Das Jugendamt bietet Familien, Kindern und Jugendlichen passgenaue Beratung sowie Unterstützung und vermittelt Hilfsangebote. Es ist jedoch auch die Aufgabe des Jugendamtes, das Wohl von Kindern und Jugendlichen zu schützen. Deshalb sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Jugendamtes gesetzlich verpflichtet, allen Hinweisen nachzugehen, die auf eine mögliche Gefahr für das Kindeswohl hindeuten. Sie suchen den Kontakt zu betroffenen Familien, um gemeinsam mit ihnen Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln. Für Hinweise auf Gefährdungen des Kindeswohls sind sie allerdings immer auf Meldungen von zum Beispiel Nachbarn, der Polizei, Ärztinnen und Ärzten oder andere Institutionen wie Schule oder Kindergarten angewiesen.
Funktionierende Systeme sind weggebrochen, Dunkelziffer könnte höher sein
Wegen der geltenden Kontaktbeschränkungen und auch zum Schutz vor möglichen Ansteckungen werden beispielsweise Arzt- und Diagnostikbesuche vermieden. Unterstützende Hilfen wie z.B. die Hebammenbetreuung, innerfamiliäre Betreuungshilfe, Familienhilfen, ambulante Betreuung und andere Angebote sind ausgefallen oder werden nicht mehr angenommen.
Im April dieses Jahres sind im Landkreis Northeim sieben Gefährdungsmeldungen eingegangen, in drei Fällen kam es zu Inobhutnahmen. Im April 2019 waren es hingegen 13 Gefährdungsmeldungen und eine Inobhutnahme. „Die Meldungen durch Dritte sind in den letzten Wochen weitestgehend weggebrochen“, sagt Viktoria Bertram. Vereinzelt melden sich jedoch Eltern selbst und berichten über die Sorge, dass es in ihrer häuslichen Umgebung zu einer Kindeswohlgefährdung kommen könnte.
Der Corona-Lockdown hat nicht nur das gesellschaftliche Leben seit mehreren Wochen zum Erliegen gebracht, sondern auch gesundheitliche und soziale Sicherungssysteme für Minderjährige im Kinderschutz unterbrochen. „Der aktuelle Rückgang der Gefährdungsmeldungen lässt sich aus unserer Sicht durch die Schließung von Kindertagesstätten und Schulen sowie neuen Verhaltens- und Vermeidungsstrategien in der Alltagsbewältigung von Familien ableiten“, erklärt der Jugendamtsleiter Jochen Althaus. Insofern ist es möglich, dass die Dunkelziffer der Kindeswohlgefährdungen höher liegt.
60 Prozent der gemeldeten Fälle bestätigen Vernachlässigung
Wenn das Jugendamt eine gemeldete Kindeswohlgefährdung überprüft, stellt es in etwa 60 Prozent der Fälle eine Vernachlässigung der Kinder fest. Das bedeutet, dass ein gefährdender Mangel in den Bereichen Versorgung, Betreuung, Zuwendung und Anregung vorliegt, die Kinder also sich selber überlassen sind. Zudem leiden sie häufig an chronischer Unter- oder Fehlernährung, fehlender Gesundheitsvorsorge und unbehandelten Krankheiten. Auch unangemessene Bekleidung, unzureichende Pflege sowie fehlende Zuwendung, Liebe, Bestätigung und soziale Anbindung werden dabei festgestellt. Säuglinge und Kleinkinder sind in diesen Situationen besonders gefährdet.
In etwa 31 Prozent der Fälle gibt es Anzeichen für psychische Misshandlung wie beispielsweise Demütigung, Einschüchterung, Bedrohung, Beschimpfung, Isolierung und emotionale Kälte. Körperliche Misshandlung findet in ca. 26 Prozent der Fälle statt und sexuelle Gewalt bei etwa fünf Prozent der Fälle.
Auch wenn die gemeldeten Kindeswohlgefährdungen derzeit unter dem monatlichen Durchschnitt liegen, ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. „Von Gewalt und Vernachlässigung betroffene Kinder sind besonders in Zeiten von Corona auf Hilfe und Unterstützung sowie eine reibungslose und funktionierende Zusammenarbeit der einzelnen Akteure der Kinder- und Jugendhilfe angewiesen“, sagt Jochen Althaus. Deshalb ist Kinderschutz systemrelevant und die Kinder- und Jugendhilfe hat im Kampf gegen Kindeswohlgefährdung in der Corona-Krise eine herausgehobene Rolle und Verantwortung.
Andere Arbeitsweise, gleicher Auftrag
Durch die Corona-Pandemie ist auch das Jugendamt im Landkreis Northeim gezwungen, seine Arbeitsweisen umzustellen. Persönliche Kontakte sind auf das notwendige Maß reduziert. „Das bedeutet jedoch nicht, dass notwendige Hilfen und Unterstützung nicht auch weiter angeboten, eingeleitet und umgesetzt werden“, macht Harald Rode, Dezernent für Jugend und Soziales deutlich.
Das Jugendamt ist weiterhin erreichbar, telefonische Beratung und Erreichbarkeit im Jugendamt sind konstant durch die Fachkräfte sichergestellt. In Krisensituationen finden auch notwendige persönliche Gespräche und Hausbesuche statt. Vorrang in der Bearbeitung haben jedoch vor allem Fälle zum Schutz der Kinder. Alle Gefährdungsmeldungen werden wie vor Beginn der Corona-Krise nach den geltenden Qualitätsstandards bearbeitet. Nach einer Ersteinschätzung der Gefährdungslage finden auch weiterhin notwendige Hausbesuche und in akuten Kinderschutzfällen Inobhutnahmen statt. Außerhalb der Servicezeiten der Kreisverwaltung ist der Bereitschaftsdienst des Jugendamtes nach wie vor über die Einsatzleitstellen erreichbar und stets einsatzbereit.
Innovatives Engagement in allen Bereichen
Viktoria Bertram betont: „Alle im Landkreis Northeim ansässigen Träger der Kinder- und Jugendhilfe haben mit einem außerordentlichen Engagement, einer beindruckenden Einsatzbereitschaft und Kreativität die Hürden der Hygiene- und Abstandsregeln genommen. Die Träger haben umgehend innovative und pragmatische Betreuungs- und Kontaktkonzepte für die betreuten Kinder, Jugendlichen und Eltern erstellt.“ Es sei dadurch zu keinen Betreuungsausfällen seitens der Kinder- und Jugendhilfe gekommen.
Die Träger der ambulanten Jugendhilfe stehen weiterhin sowohl mit den betreuten Familien als auch den Fachkräften des Jugendamtes in Kontakt und stimmen die Hilfeprozesse regelmäßig bedarfsorientiert ab. Die Träger der teilstationären Jugendhilfe, wie z.B. die Tagesgruppen haben umgehend Krisenkonzepte erstellt, um den Kontakt zu den Kindern, Jugendlichen und ihren Eltern zu halten, besonders belastete Familien zu entlasten und in Notbetreuungsgruppen zu betreuen. Selbstverständlich werden auch die stationär untergebrachten Kinder und Jugendliche weiterbetreut.
Sowohl das Jugendamt als auch die Träger der Kinder- und Jugendhilfe sind gut aufgestellt und haben die Hürden der Corona-Krise bislang durch funktionierende Krisenkonzepte und engagierte Fachkräfte solide gemeistert. Abschließend äußert auch Viktoria Bertram eine Bitte: „Es ist wichtig, wachsam zu sein und nicht zu zögern, eine mögliche Kindeswohlgefährdung zu melden.“ Auch Familien in akuten Belastungssituationen sollten sich frühzeitig Unterstützung und Hilfe holen, bevor es durch Überforderung zu einer akuten Kindeswohlgefährdung kommt. Neben dem Jugendamt steht dafür auch die Familienberatungsstelle des Landkreises Northeim zur Verfügung.
Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Falleingangsmanagement des Jugendamtes sind telefonisch unter 05551 708281 und per E-Mail an falleingang@landkreis-northeim.de zu erreichen, die Familienberatungsstelle ist telefonisch unter 05551 7088240 oder per E-Mail an ebein@landkreis-northeim.de zu erreichen.
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